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Das Plateau von Gizeh |
Der Sphinx
Beim Taltempel des Chefren steht der Sphinx , der Kopf des Pharao Chephren auf dem Leib eines Löwen. Der Sphinx von Gizeh ist aus dem Fels erhaben herausgehauen, 73,5 m lang und 20 m hoch.
Er ist die erste Kolossalstatue des pharaonischen Ägypten und thront majestätisch über der Nekropole von Gizeh. Es besteht die Meinung, die Erbauungsstelle des Sphinx sei Teil eines Steinbruches für die Cheopspyramide gewesen, dessen Gestein jedoch nicht brauchbar war.
Das Geschöpf wurde aus einem Kalksteinhügel schlechter Qualität gehauen. Der Standort ist im Verhältnis zum Grabkomplex des Chephren jedoch sehr sorgfältig gewählt. Taltempel und Sphinxtempel sind fast exakt an einer Line ausgerichtet, beide bestehen aus Kalkstein mit einer Verkleidung aus härterem roten Granit.
Der Zweck des Sphinx ist umstritten. Löwen galten im ägyptischen Altertum als Wächtergestalten, und er könnte so das Plateau von Gizeh bewacht haben. Der deutsche Ägyptologe Herbert Ricke ist der Meinung, dass er als Bild des Harmachis zum Sonnenkult gehörte; diesen Namen, der sich auf einen Aspekt des Sonnengottes Horus bezieht, erhielt der Sphinx im Neuen Reich.
Er stand laut dieser Theorie vor dem "Horizont" der Cheopspyramide und der Chephrenpyramide. Am besten lässt sich die Statue als Bildnis von Chephren als Horus auffassen: Er ehrte damit seinen göttlichen Vater Cheops, vergöttlicht als Re, die Sonne.
Obwohl er den Türken im vorigen Jahrhundert als Ziel für Artillerieübungen diente, ist der Pharao deutlich zu erkennen - er scheint in eine andere Welt zu blicken. Der Kopf des Chephren ist aller Wahrscheinlichkeit nachträglich auf den Löwenkörper gesetzt worden.
Über das Alter der Sphinx gehen die Meinungen der Forscher weit auseinander, wir schließen uns der gängigen Lehrmeinung an. Sie besagt das Pharao Chephren um 2520 v.u.Z. den Steinkoloss errichten liess.
Da keine schriftlichen Zeugnisse von der Erbauung oder der Funktion gefunden worden, bleibt das Geheimnis der Sphinx ungelöst und bietet genügend Stoff für die wildesten Spekulationen.
VON JÜRGEN KRÖNIG
Kairo - Seit Tausenden von Jahren starrt die Sphinx gen
Osten - «mit leerem, mitleidlosem Blick», wie der Dichter Y. B. Yeats einst
schrieb. Über 73 Meter lang und 15 Meter hoch ist die eigentümliche Kreatur
mit dem Rumpf eines Löwen und dem Kopf eines Menschen. Doch obwohl sie das
einzige erhaltene der sieben antiken Weltwunder ist, birgt die Sphinx, die am
Rande des Felsplateaus von Gizeh den Zutritt zu den Pyramiden zu bewachen
scheint, auch heute noch Geheimnisse.
Zum Beispiel ihr Alter. Laut offizieller Lehrmeinung ist die Sphinx vor rund
4500 Jahren unter der Herrschaft des Pharaos Chephren entstanden. Doch auf der
Basis handfester wissenschaftlicher Befunde bezweifeln Geologen dieses Alter und
glauben, dass die Sphinx möglicherweise Tausende von Jahren älter ist.
Trifft diese Einschätzung zu, müssten die Ägyptologen ihre gesamte
Chronologie überprüfen. Mehr noch - die Frühgeschichte der Menschheit müsste
umgeschrieben werden. Robert Schoch, Geologe an der Universität von Boston,
weist auf die weit reichenden Implikationen einer Neubestimmung des Alters der
Sphinx hin: «Es eröffnen sich neue wissenschaftliche Fragen nach Ursprung und
Alter menschlicher Zivilisation.»
Die Erosionsspuren an der Sphinx sind in Gizeh einzigartig
Schoch ist der führende Vertreter der geologischen Disziplin, die den Ägyptologen
den Fehdehandschuh hingeworfen hat. Laut Schoch ist die herkömmliche Datierung
der Sphinx auf die Zeit um ungefähr 2500 v. Chr. unhaltbar. Nach eingehenden
geologischen und seismografischen Untersuchungen steht für ihn fest, dass die
Sphinx schon vor 7000 bis 9000 Jahren entstanden ist - eine Auffassung, die auf
den erbitterten Widerstand der Ägyptologen stösst und die auch der allmächtige
Direktor der ägyptischen Altertümer von Gizeh, Zahi Hawass, entschieden zurückweist.
Vor zehn Jahren hatte sich Robert Schoch von John Anthony West, einem unabhängigen
Forscher und Autor, dazu bewegen lassen, die Sphinx genauer unter die Lupe zu
nehmen. West war nach jahrelangem Quellenstudium zur Überzeugung gelangt, die
Sphinx müsse sehr viel älter sein, als die offizielle Lehrmeinung behauptet.
Bereits in den Vierzigerjahren hatte der französische Forscher Schwaller de
Lubicz auf die auffälligen Erosionsspuren am Körper der Sphinx und im U-förmigen
Felsausschnitt, aus dem sie herausgehauen wurde, hingewiesen. Doch was fehlte,
waren harte wissenschaftliche Beweise, um solch eine kontroverse These zu erhärten.
Schoch hat sie geliefert, in Kooperation mit dem amerikanischen Seismologen
Thomas Dobecki. Die Monumente auf dem Plateau von Gizeh sind zwei
unterschiedlichen Erosionsprozessen ausgesetzt: Wind und Wasser. Die Bauten, die
unzweifelhaft in den Jahren der alten Dynastien, also etwa 2500 v. Chr.
errichtet wurden, weisen deutliche Spuren von Wüstenwind und Sandstürmen auf:
Die weichen Schichten des verwendeten Sandsteins wurden abgetragen, wodurch
horizontale Einbuchtungen zwischen den härteren Felsschichten entstanden.
An der Sphinx aber und ihrer U-förmigen Felsumgebung klaffen klar erkennbar
vertikale Rinnen, 90 bis 180 Zentimeter tief, die Schoch als Folge andauernder
schwerer Regenfälle interpretiert. Seit etwa 3000 v. Chr. aber ist es in diesem
Teil Ägyptens knochentrocken. Schoch berechnete daher das Alter der Sphinx auf
mindestens 7000 bis 9000 Jahre, nennt dies jedoch «eine bewusst konservative
Schätzung».
Die gesamten Monumente, Tempel und Grabanlagen von Gizeh seien, sagt Schoch, aus
dem gleichen Stein erbaut wie die Sphinx. Doch allein die Sphinx - und die
Mauern zweier stark verwitterter Tempel in ihrer unmittelbaren Nähe - zeigen
die Wasser-Erosionsspuren.
Eine indirekte Bestätigung für seine Theorie fand der Geologe nur 16 Kilometer
entfernt von Gizeh, im Pyramiden- und Gräberkomplex von Sakkara. So genannte
Mastabas, Gräber aus der ersten und zweiten Dynastie, und damit nach
offizieller Lesart einige Jahrhunderte vor der Sphinx erbaut, weisen nämlich
keinerlei Spuren von Wassererosion auf.
Für Schoch ist der Fall damit klar: Pharaoh Chephren ist nicht der Erbauer der
Sphinx; er hat dieses Monument nur reparieren und bestenfalls umgestalten
lassen, was die Stele mit seinem Namen erklären würde, die man im nahen
Taltempel fand und die den Ägyptologen als Beweis für seine Urheberschaft
gilt.
In Geologenkreisen stösst Schoch auf breite Zustimmung. So haben der Amerikaner
David Coxhill und Colin Reader von der London University die Befunde bestätigt.
Doch die Ägyptologen lassen sich davon nicht beeindrucken.
So hält etwa Mark Lehner von der Harvard University den Geologen durchaus
berechtigte Fragen entgegen. Wenn denn die Sphinx wirklich aus einer älteren
Kultur stamme, wo sind dann ihre Spuren, ihre Scherben, fragt Lehner, der eng
mit Gizeh-Direktor Zahi Hawass kooperiert. Die Menschen der Jungsteinzeit seien
Jäger und Sammler gewesen; Tausende von Jahren vor Chephren und den alten ägyptischen
Dynastien seien die Menschen noch nicht im Besitz der technologischen und künstlerischen
Fähigkeiten gewesen, die sich in einem Kunstwerk wie der Sphinx manifestieren.
Schoch und andere Forscher sind um eine Antwort nicht verlegen. Sie räumen ein,
dass eine 9000 Jahre alte Sphinx entsprechende zivilisatorische Voraussetzungen
verlangt - etwa gesellschaftliche Strukturen, politische Entscheidungs- und
Planungsfähigkeit und technologisches Knowhow.
Ein Teil der Evidenz für eine ältere, unbekannte Kultur dürfte heute laut
Schoch unter Nilsilt und Wasser begraben liegen. Trotzdem gibt es einige
Hinweise auf die postulierten Frühkulturen: So zeigt die «libysche Palette»
im Museum von Kairo, die auf 3100 v. Chr. datiert wird, sieben befestigte Städte
am Rande des Nildeltas. Zudem ist man in Ägyptens westlicher Wüste bei
Ausgrabungen auf gut geplante Siedlungen aus dem siebten Jahrtausend v. Chr.
gestossen.
Hinweise auf verborgene Kammern unter dem Gizeh-Plateau
Erst vor zwei Jahren wurde in Nabta, rund 150 Kilometer südlich von Abu Simbel,
ein besonders bemerkenswerter Fund gemacht: Forscher stiessen dort auf eine
neusteinzeitliche Anlage samt Steinkreisen und Steinreihen, die auf präzise
astronomische Kenntnisse hindeuten. Die Anlage von Nabta wird auf 4500 v. Chr.
datiert, älter als jede andere Megalith-Struktur der Welt.
Robert Schoch wird im Juni zu neuen Forschungen in Ägypten eintreffen. Sein
Augenmerk gilt dann aber weniger der Sphinx, sondern anderen Strukturen, die aus
einer älteren Kultur zu stammen scheinen. Dazu zählen verschiedene Schächte
und Tempelreste auf dem Gizeh-Plateau, aber auch Grabkammern tief im Innern der
«Roten Pyramide» von Dashur. Dort sind gewaltige Sandblöcke offenkundig von
schwerer Wassererosion beschädigt worden, Jahrtausende bevor die Pharaonen über
den vorhandenen, viel älteren Strukturen die Pyramide errichten liessen.
Doch auch die Sphinx selber rückt im Mai wieder ins Rampenlicht.
Gizeh-Ausgrabungschef Zahi Hawass hat grünes Licht gegeben für eine neue
Forschungs-mission, die teilweise sogar live auf dem amerikanischen TV-Sender
Fox übertragen werden soll. Ein Forscherteam um den Mäzen Joseph Schor will
mit hochsensiblen Radargeräten durch Felsgestein und Granitmauern hindurch die
exakten Masse der unterirdischen Kammer unter der Sphinx erkunden. Auf Grund früherer
seismografischer Untersuchungen weiss man, dass es etwa fünf Meter unter dem
Monument Hohlräume und Schächte gibt. Alles andere ist Spekulation, auch dass
es sich dabei möglicherweise um die legendäre «Halle der Schriften» handeln
könnte.
Auch wenn die Forscher im Mai keine geheime Kammer finden - das Rätsel der
Sphinx beginnt sich langsam zu lüften.

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